Enrico Marini: Gipsy

Der wilde Sinti-Trucker Tsagoi zigeunerd von Verlag zu Verlag. Die Serie startete einst bei Ehapa, danach übernahm Carlsen und brachte in einem etwas großformatigeren Format alle sechs Bände heraus. Splitter setzt noch einen drauf und veröffentlicht zum fairen Preis in chronologischer Reihenfolge eine edle sechsbändige Hardcover-Gesamtausgabe mit Bonusmaterial.

Enrico Marini: Gipsy

Beim Blick aufs Cover des ersten Bands „Der Stern des Zigeuners“ fällt auf, dass die Signatur von Enrico Marini aus dem Jahre 1992 stammt. Es ist erstaunlich. wie gut sich diese leicht futuristische Serie gehalten hat und mit welch einem ausgereiften Stil der damals erst 23-jährige Enrico Marini sie in Szene setzte. Während der gebürtige Schweizer heute – etwa in “Die Adler Roms“ – farbenprächtige Couleur-Directe-Orgien feiert, sind es bei “Gipsy“ (zunächst) noch klare vom Manga-Style beeinflusste Zeichnungen, die eher flächig koloriert wurden.

Enrico Marini: Gipsy

Doch nicht nur Marinis opulente Zeichnungen und sein klares Figurendesign sprechen für die Serie. Auch die Geschichten überzeugen, denn der Belgier Thierry Smolderen ist ein mitreißender Erzähler. Ihm gelingen farbige Charaktere voller menschlicher Schwächen, allen voran die ihre Herzensgüte sehr erfolgreich hinter einer ultrarauen Schale verbergende Hauptfigur. Der Zigeuner-Macho Tsagoi greift zwar schnell zum Messer, aber für seine kleine Schwester Oblivia opfert er sich auf. Er arbeitete hart als Trucker, um ihr so lange wie möglich eine gute Erziehung in einem Schweizer Internat zu bieten.

Enrico Marini: Gipsy
Angesiedelt ist die Geschichte in einer nahen Zukunft mit Klimakatastrophen und Flugverbot. Hier wird der Fernverkehr überlebenswichtig, und die Autobahn C3C (Circumpolar 3 Continental) umspannt fast die komplette nördliche Halbkugel, wodurch Güter in westlicher Richtung von New York bis Paris transportiert werden können. Die “Gipsy“-Ausgabe von Splitter lässt den Leser noch tiefer in diese Welt eintauchen. Neben Skizzen enthält sie u. a. eine Weltkarte mit den Transport-Routen der C3C und einen fiktiven Zeitungsartikel über den Schlüsselroman „Der Tag des Zaren“.

Enrico Marini: Gipsy

Hier schreibt Oblivia nicht nur über den tragischen Ausgang ihrer Liebesgeschichte mit  dem frisch gekrönten Zaren von Russland, aber auch über ihre problematische Beziehung zu ihren Bruder. Die ersten drei Bände von “Gipsy“ erzählen zwar in sich abgeschlossene Geschichten, setzen sich aber zugleich auch zu einer mitreißend erzählten Trilogie zusammen.

Enrico Marini: Gipsy

Der vierte Band „Die schwarzen Augen“ spielt vor dem Hintergrund eines fußballbesessenen Deutschlands. Smolderens Geschichte ist auch eine derbe Satire auf deutsche Gepflogenheiten, beleuchtet zugleich aber auch ein wichtiges Kapitel aus der Kindheit des Gipsy. Leider bleiben Marinis Zeichnungen hier oftmals ein wenig  hinter den tollen Bildern der ersten drei Bände zurück und sehen manchmal erschreckend grob aus. In den beiden letzten Bänden der Serie läuft Marini jedoch wieder zur alten Hochform auf.

Enrico Marini: Gipsy

Doch im fünften Band „Die weiße Schwinge“ kehrt der Hyper-Macho Tsagoi wieder in alter Frische zurück. Er zeigt diesmal sogar einen weichen Kern und liest das Buch „Intelligente Konversation für Dummies“, denn er hat eine Verabredung mit zwei Frauen.

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Eine davon ist seine Schwester Oblivia und diese hat gerade jenen Bestseller geschrieben, in dem sie ungeniert über ihren Bruder herzieht. In Oblivias Begleitung befindet sich noch die blonde Verlegerin Eva Darfold.

Enrico Marini: Gipsy

Dass sich diese gleich an Tsagoi ranschmeißt trägt nicht gerade zur Stabilisierung der ohnehin schon stark angeschlagenen geschwisterlichen Bindung bei. Doch keine Angst, das war auch schon alles was auf der psychologischen Ebene abgeht. Ansonsten gibt es Action satt, wobei sowohl japanische Manga-Comics als auch der erste „Indiana Jones„-Film als Inspiration dienten.

Enrico Marini: Gipsy

Im sechsten Band “Das Lachen der Azteken“ tauchen viele alte Bekannte des Gipsys wieder auf. Trotzdem ist die Geschichte nicht das große Serien-Finale, sondern ein weiteres wildes Abenteuer, das dem Leser noch einmal alle Stärken dieser außergewöhnlichen leicht futuristischen Trucker-Serie vor Augen führt. Schauplatz ist diesmal das fiktive an Mexiko erinnernde Land Parador.

Enrico Marini: Gipsy

Hier bekommt es der Gipsy mit einem Virus zu tun, das Menschen in irre grinsende Mordmaschinen verwandelt. Doch natürlich spielen auch schöne Frauen, wilde Action-Szenen, überraschende Gags und schnelle Fahrzeuge – in diesem Falle sogar Seifenkisten – eine große Rolle. Dieser in allen Belangen überzeugende Comic macht es dem Leser nicht leicht Abschied vom charmanten, sich oftmals nicht ohne guten Grund selbst überschätzenden Macho Tsagoi zu nehmen.

Enrico Marini: Gipsy

Besser als in der Splitter-Gesamtausgabe kann eine Serie nicht präsentiert werden, und “Gipsy“ hat diese edle Veröffentlichung auch wirklich verdient! Der einzige Wermutstropfen ist, dass seit 2002 keine weiteren Bände der Serie erschienen sind.

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