Schlagwort-Archive: Graphic Novel

Tante Wussi

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich endlich zur Lektüre aufraffen konnte. Der erste Blick ins Buch bestätigte manches Vorurteil, das alteingesessene Comicfans gegenüber “Graphic Novels“ haben.

Tante Wussi

Tyto Albas Bebilderung sieht auf dem ersten Blick nicht “gekonnt“ aus, sondern eher nach dem, was in Volkshochschul-Kursen mit Aquarellfarben so alles aufs feuchte Papier gebracht wird. Doch einmal mehr gilt, Augen zu und durch, denn wenn der Leser in einem Comic erst einmal drin ist, dann betritt er eine ganz eigene Welt.

Tante Wussi

Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass die Macher von “Graphic Novels“ nicht mehr nur aus ihren eigenen, oft gar nicht so interessanten, Leben erzählen, sondern sich auch gerne mit den Biografien ihrer Vorfahren befassen. Was in Barbara Yelins “Irmina“ ganz großartig klappte, funktioniert auch hier recht gut. Kathrin Bacher hat ihre Großtante Wussi persönlich befragt, und diese hatte auch tatsächlich eine ganze Menge zu erzählen.

Tante Wussi

Die Geschichte(n) einer jüdischen Familie, die 1933 – gar nicht einmal aus politischen Gründen – von Freiburg nach Mallorca zog und einige Jahre später aus Angst vor den Franco-Faschisten nach Nazi-Deutschland zurückehrte, ist es wirklich wert weitergegeben zu werden.

Tante Wussi

Die Mischung aus Rückblenden und Interviewsituationen wurde von den Großmeistern Spiegelman (“Maus“) und Sacco (“Palästina“) sehr viel besser umgesetzt, als dies in “Tante Wussi“ der Fall ist. Doch die Unbeholfenheit mit der Bacher und Alba manche der unfassbaren Schicksale in Szene setzten, wirkt nicht nur authentisch, sondern lässt die gar nicht so wenigen großartigen Momente umso mehr strahlen.

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Sherlock Holmes: Eine Studie in Scharlachrot

1887 erschien im „Beeton’s Christmas Annual“ die erste Geschichte mit Sherlock Holmes. Erzählt wird, wie er erstmals auf Dr. Watson trifft und beide die legendäre Wohngemeinschaft in der Baker Street 221B gründen. Doch “Eine Studie in Scharlachrot“ ist kein reiner Sherlock-Holmes-Roman, denn der zweite Teil erzählt als Rückblende von einem Mord inmitten einer Mormonengemeinde in Utah.

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Der 27-jährige Arthur Conan Doyle baute die Geschichte mit den Mormonen aus wirtschaftlichem Kalkül mit in die Handlung ein. Er spekulierte darauf, dass das viktorianische Publikum sich für eine Geschichte in der die Polygamie der religiösen Gemeinde eine wichtige Rolle spielt, erwärmen würde. Die Rechnung ging auf, und Conan Doyle verfasste drei weitere Romane sowie 56 Kurzgeschichten mit Sherlock Holmes.

Sherlock Holmes: Eine Studie in Scharlachrot

Der britische Autor Ian Edginton, der bereits H. G. Wells‘ “Krieg der Welten“ als Comic adaptiert hatte, verarbeitete “Eine Studie in Scharlachrot“ 2009 zu einer Bildgeschichte, die sein Landsmann I. N. J. Culbard illustrierte. Angesichts der sehr viel aufwändiger illustrierten Comics mit Sherlock Holmes, die in letzter Zeit beim Splitter Verlag erschienen sind, passt es recht gut, wenn der Piredda Verlag “Eine Studie in Scharlachrot“ als “Eine Sherlock Holmes Graphic Novel“ veröffentlicht.

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Das eher schlichte Artwork von Culbard bringt den von Edginton sehr werkgetreu adaptierten ersten Auftritt von Sherlock Holmes sehr gut rüber. Die Ausgabe des Piredda Verlags wurde noch ergänzt um einen Blick in Culbards Sketchbook sowie einen interessanten Bericht über den ersten Holmes-Roman. Alternativ erscheint auch noch eine auf 200 Exemplare limitierte Hardcoverausgabe mit signiertem Druck.

Sherlock Holmes: Eine Studie in Scharlachrot

In der selben Form werden auch Edgintons und Culbards Comic-Adaptionen der drei weiteren Holmes-Romane “Im Zeichen der Vier“, “Der Hund der Baskervilles“ sowie “Das Tal der Angst“ folgen.

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Paco Roca: La Casa

Nach dem Tod des Vaters treffen sich drei Geschwister im Ferienhaus der Familie, um den Besitz zu veräußern. Die notwendige Beschäftigung mit dem Haus, spanisch „la casa“, ruft in jedem von ihnen Erinnerungen an die verstorbenen Eltern und ihre gegenseitigen Beziehungen hervor.

Paco Roca: La Casa

Längst vergessene Ereignisse tauchen aus dem Nebel der Zeit auf und wirken noch nach Jahrzehnten nach. In schönen klaren Bildern, und mit dem Mut der Verlangsamung, zeichnet Paco Roca („Der Winter des Zeichners„, „Die Heimatlosen„) eine scheinbar belanglose Erzählung über den gnadenlosen Einfluss der Familie auf die Menschwerdung, deren Unterschiede und was sie letztendlich doch vereint.

Paco Roca: La Casa

Momentan zählt Roca zu den angesehensten Vertretern des zeitgenössischen Comics, sicher aber wird er irgendwann als einer der Großmeister gelten, als ein Angehöriger der seltenen Spezies, deren Genie und Einfluss die Zeiten überdauern. Seine zeichnerischen und erzählerischen Fähigkeiten ergänzen sich zu weit mehr als der Summe aus beiden Teilen und schaffen in der Verbindung eine zauberhafte, seltene Qualität.

Paco Roca: La Casa

Kurioserweise hat ein anderer bedeutender spanischer Zeichner und Autor, Daniel Torres, fast zeitgleich ein fulminantes Magnum Opus vorgelegt, das ebenfalls den Titel „la casa“ trägt. Ein gänzlich unterschiedliches, weit aufwändigeres Werk, das sich der Geschichte und Bedeutung des Hauses an sich widmet. Beiden eigen ist die Auseinandersetzung mit der Zeit, wenn auch in unterschiedlichen Ansätzen. Trotzdem … kurios. Oder ist es etwa doch Koinzidenz?

Rainer Schneider

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Jeff Lemire: Essex County

Nachdem die Mutter vom kleinen Lester starb, zog dieser zu seinem Onkel Ken aufs Land. Da dieser alleine lebt, weiß er nicht was er mit dem Jungen anfangen soll und ist ziemlich frustriert, dass Lester alle Vorschläge für gemeinsame Aktivitäten ablehnt und in eine Comic-Traumwelt flüchtet. Diese teilt er mit dem seltsamen bulligen Tankstellen-Besitzer Jimmy, der – bevor er einen Puck an den Kopf kam – ein Eishockey-Star war.

Jeff Lemire: Essex County

Auf den ersten Blick sehen die schwarzweißen Zeichnungen von Jeff Lemire, dessen Serien “Sweet Tooth“ und “The Nobody“ immerhin bei DC Vertigo erscheinen, etwas arg krickelkrackelig aus. Doch wer sich auf “Geschichten vom Land“ („Tales from the Farm“)einlässt, findet darin alles was er braucht, um nachzuvollziehen wie es ist (bzw. vor einigen Jahrzehnten war), ein Jahr seiner Jugend im ländlichen Essex Country in Kanada zu verleben. Recht gelungen ist auch der – man glaubt es kaum – noch skizzenhaftere “helle“ Stil in dem Lemire Rückblenden in die Geschichte einfließen lässt.

Jeff Lemire: Essex County

Für den Comic spricht auch, dass sich Jeff Lemire trotz des geringen Umfangs seiner Erzählung nicht nur mit der kindlichen Phantasie- und Problemwelt von Lester beschäftigt (und auch nicht die naheliegende Kinderschänder-Schiene fährt). Ebenfalls sehr sensibel wird geschildert, wie der Landwirt Ken immer wieder versucht mit seinem Neffen Freundschaft zu schließen und sich nach dessen Zurückweisungen noch einsamer fühlt.

Jeff Lemire: Essex County

“Geschichten vom Land“ ist der Auftakt von Jeff Lemires “Essex County Trilogy“. Auch im zweiten  Teil „Geistergeschichten“ („Ghost Stories“) erzählt er wieder von Eishockey und dem Leben in der kanadischen Provinz. Doch abgesehen davon, dass es am Ende der diesmal sehr viel epischeren Geschichte eine kurze Wiederbegegnung mit jenem kleinen Lester gibt, der davon träumt ein Superheld zu sein, ist “Geistergeschichten“ ein völlig eigenständige Story, die allerdings genauso mitreißend und sensibel erzählt ist.

Jeff Lemire: Essex County

Im Zentrum des Geschehens stehen zwei ungleiche Brüder vom Lande. Während der eher schmächtige Lou den Traum hat, in die Großstadt zu gehen um Eishockey zu spielen, strebt der bullig-gemütliche Vince ein ausgeglichenes bodenständiges Familienleben an. Für eine kurze Weile folgt Lou seinem Bruder jedoch nach Toronto und beide feiern gemeinsam im dortigen Eishockey-Team große Erfolge. Es hätte so schön werden können, wenn Lou nicht seine Freundin und spätere Ehefrau Beth mitgebracht hätte. Nur ein einziges Mal betrügt Vince seinen Bruder, doch danach ist sein Leben praktisch vorbei.

Jeff Lemire: Essex County

Vince bleibt in Toronto, vegetiert dort unter dem Motto “Die Stadt wird nicht Teil von dir, du wirst Teil der Stadt“ vor sich hin und lässt die Kontakte zu Lou und Beth abbrechen. Erst als seine Mutter stirbt und er zum ersten Mal nach 25 Jahren nach Essex Country zurückkehrt, wird ihm klar, wie leer sein Leben ist…

Jeff Lemire: Essex County

Jeff Lemire erzählt zwar eine tieftraurige Geschichte, zeigt aber auch, dass wir alle Schmiede unseres eigenen Glückes sind und es jederzeit in der Hand haben unser Schicksal zum Besseren (aber leider auch zum Schlechteren) zu wenden. Die Lässigkeit mit der Lemire seine rotzigen schwarzweißen Bilder (und diese klobigen Nasen!) zu Papier bringt, steigert den Genuss an diesem großartigen Comic-Roman.

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Mit „Die Krankenschwester“ („The Country Nurse“) vollendet Jeff Lemire  seine Essex Country Trilogie. Was zunächst nach einer nur lose und hauptsächlich durch die Örtlichkeit – eine menschenleere kanadische Agrarregion – zusammenzuhängen schien, setzt sich nach der Lektüre des Abschlussbandes zu einem faszinierenden Gesamtwerk zusammen.

Jeff Lemire: Essex County

Lemire reist diesmal auch noch zurück ins Jahr 1917 und schildert ein ebenso tragisches wie heroisches Ereignis, in das die Großmutter der Hauptfigur Anne Quennevile verwickelt war. Anne arbeitet als Landkrankenschwester in Essex Country, kümmert sich um die vereinsamten Bewohner und fungiert – da die Landmenschen zumeist nicht mehr als nötig miteinander reden – oft auch als Überbringerin von traurigen Nachrichten.

Jeff Lemire: Essex County

Dennoch erzählt Lemire keine tiefschwarze Geschichte, sondern zeigt, dass die meisten Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand haben und es jederzeit zum Guten wenden können.

Eine deutsche Gesamtausgabe von Essex County  wäre toll, doch immerhin gibt es die Reihe in drei Einzelbänden bei der Edition 52.

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Nabiel Kanan: The Birthday Riots

Max Collins wollte einst die Welt verändern und hielt darüber als Dozent für Politikwissenschaft auch flammende Reden vor seinen begeisterten Studenten. Doch dann wurde er Wahlkampfberater eines ehrgeizigen und populistischen Politikers. Fast unbemerkt entschwinden Max nicht nur seine Ideale, sondern er entfremdet sich auch immer mehr von seiner Tochter Natalie, die angewidert ist über den Hass, der sich bei ihren Mitschülern einem Zigeunerjungen gegenüber ganz offen entlädt. Während Max mit zunehmenden Zweifel an seinem Job kämpft, verlässt Natalie an ihrem fünfzehnten Geburtstag ihr Elternhaus.

Nabiel Kanan: The Birthday Riots

In diese nur an drei Tagen spielende Handlung sind noch zahlreiche Rückblenden eingeflochten, durch die Max und Natalie zu plastischen Charakteren werden. Auf lediglich 64 Seiten erzählt Nabiel Kanan in einem nur auf dem ersten Blick sehr simpel anmutenden Zeichenstil eine ungewöhnlich dichte Geschichte. Die einzige Schwäche von „The Birthday Riots“ ist das etwas plötzliche sich leicht in mystische Gefilde verflüchtigende Ende und ganz bestimmt auch die damit verbundene Enttäuschung darüber diesen faszinierende ausgestalteten Comic-Mikrokosmos verlassen zu müssen.

Nabiel Kanan: The Birthday Riots

Nabiel Kanans „Lost Girl“ wurde in Erlangen als beste deutschsprachige Comic-Publikation ausgezeichnet. Dies freute Johannes Geigl, für dessen Verlag „Lost Comix“ dieses Werk auch zugleich die erste Veröffentlichung darstellte, so sehr, dass er bei der anschließenden After-Show-Party die Gäste seinen Preis, das legendäre Max-und-Moritz-Brot verspeisen ließ. Kanans „The Birthday Riots“ erscheint bei uns ebenfalls als Book on Demand (laut Impressum ist daher „jedes Exemplar also ein Unikat für sich“) und wieder in einem recht kleinen Format. Bei diesem Comic der nicht nur (auch im Storytelling) über mehr Grautöne als „Lost Girl“ verfügt, sondern auch noch deutlich textlastiger ist, strengt es oft etwas an, die mit klitzekleinen Lettern gefüllten Sprechblasen zu lesen. Doch erneut gilt: Wer sich dem aussetzt wird reich belohnt.

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Nabiel Kanan: Lost Girl

Beth dürfte so knapp 15 Jahre alt sein und freut sich nicht sonderlich auf den Urlaub mit ihren Eltern und ihrer kleineren Schwester. Ziel ist eine englische Kleinstadt und hier wurde auf einem Campingplatz ein Wohnwagen angemietet. Auf der Hinfahrt beobachtet Beth ein seltsames Mädchen. Dieses verführt einen Mann und stiehlt ihm dabei die Wagenschlüssel. Auch ansonsten scheint sie noch einige Geheimnisse zu haben. Natürlich ist diese Person sehr viel interessanter als Beths Freundin Caitlin, die allenfalls etwas Shit zu bieten hat.

Nabiel Kanan: Lost Girl

Bemerkenswert an diesem mit dem Will-Eisner-Award gezeichneten Werk ist die für Comics erstaunliche Tatsache, dass Nabiel Kanan („The Birthday Riots„) über weite Strecken ganz ohne Worte auskommt. Er fängt die Blicke zwischen seinen Figuren und die vielen ruhigen Momente ungewöhnlich sensibel in seinen Strichzeichnungen ein. Diese sind so eigenwillig ausgeführt und raffiniert schraffiert, dass der Leser zu keinem Zeitpunkt die Farbe in diesem gelungenen Schwarzweiß-Album vermisst.

Nabiel Kanan: Lost Girl

Einzige Kritikpunkt, der sich jedoch eher an den Verlag richtet, der dies Buch im Books on Demand-Verfahren herausbrachte. Wenn in diesem Comic dann doch einmal Sprechblasen auftauchen, zwingt das kleine Format dieses Albums den Leser dazu, sich mit sehr kleinen Lettern herum zu ärgern. Doch „Lost Girl“ ist diese Mühe allemal wert.

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Guy Delisle: Pjöngjang

Als Guy Delisle in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang ankommt um bei einem Trickfilmprojekt mitzuarbeiten, wartet am Flughafen ein Fahrer mit einem Blumenstrauß auf ihn. Guy hat sich zuvor informiert und ihm ist klar, dass das Gebinde nicht für ihn ist. Wie jeder Neuankömmling wird er zunächst erst einmal zu einer riesigen Bronzestatur von Kim Il-Sung, des auch nach seinem Tode nach überall präsenten Landesübervaters, gebracht um dort seinen Blumenstrauß ehrfürchtig niederzulegen.

Guy Delisle: Pjöngjang

Auch die restlichen Monate von Guys Aufenthalt in Nordkorea verlaufen äußerst skurril. Er bekommt einen Dolmetscher und einen Führer zugeteilt, die sich ständig in seiner Nähe aufhalten. Guy absolviert neben seiner nicht eben reibungsfreien Arbeit auch noch ein umfassendes propagandistisches Nebenprogramm. So besucht er u. a. das “Museum der imperialistischen Besatzung“, das Greueltaten von US-Soldaten genüsslich dokumentiert, und eine abgelegene atombombensichere Kultstätte mit eigenem Autobahnzubringer, in der all jene Geschenke ausgestellt sind, die der große Kim Il-Sung und sein jetzt herrschender Sohn Kim Jong-Il aus aller Welt erhalten haben. Doch diese Prunkfassaden können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einem Großteil der nordkoreanische Bevölkerung an fast allem fehlt was das Leben lebenswert macht, obwohl gewaltige Mengen von Hilfsgütern aus aller Welt angeliefert werden.

Nordkorea

Guy Delisle (“Louis fährt Ski“) zeichnete zuvor bereits eine ähnliche Comicreportage über das chinesische „Shenzhen“ und danach die “Aufzeichnungen aus Birma“. Auch in “Pjöngjang“ bringt er seine persönlichen Eindrücke trotz seines äußerst lockeren Zeichenstil – irgendwo zwischen Marjane Satrapis “Persepolis„und Joe Saccos “Palästina“ – und seines immer wieder aufblitzenden Humors ebenso eindringlich wie direkt an den Leser.

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Guy Delisle: Shenzhen

Mit „Shenzhen“ startete Guy Delisle (“Louis fährt Ski“) 2000 seine Comicreportagen-Reihe über die Lebensbedingungen in den Ballungsräumen asiatischer Diktaturen. Er beschreibt wie es ihn für drei Monate zur Überwachung einer Trickfilmproduktion in die etwas nördlich von Hongkong gelegene gesichtslose chinesische Metropole Shenzhen verschlagen hat.

Guy Delisle: Shenzhen

Abgesehen von Arbeit und langweiligen Nächten im Hotel hat Delisle eigentlich eher weniger erlebt. Die ihm unterstellten chinesischen Animatoren lernt er – nicht nur bedingt durch die Sprachbarriere – kaum näher kennen und die Stadt schildert er als trostlos. Einzig Ausflüge nach Kanton und Hongkong bieten etwas Abwechslung bzw. westliche Kultur.

Guy Delisle: Shenzhen

Shenzhen“ ist eine Art Ouvertüre zu Delisles drei Jahre später entstandenen „Pjöngjang“ (bei uns bei ebenfalls bei Reprodukt erschienen), einem deutlich vielschichtigeren und sehr viel souveräner zu Papier gebrachten Bericht über seine Erlebnisse in der nordkoreanischen Hauptstadt. Delisles danach erschienene Comicreportage “Aufzeichnungen aus Birma“ (ebenfalls Reprodukt) hingegen liest sich – da der Autor hier mit Frau und Kind reiste – über weite Strecken eher wie ein heiterer Familienroman. Doch insgesamt zeigen Delisles Comics, dass mit einem lockeren eher karikaturhaften Zeichenstil durchaus ernsthafte Inhalte transportiert werden können.

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Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio

Dem überzeugten Kommunisten Richard Sorge gelang es in Tokio das Vertrauen des deutschen Botschafters Ott zu gewinnen. Er spionierte im Auftrag Stalins und kam an geheime Informationen heran. So prophezeite er 1941 den deutschen Angriff auf die Sowjetunion, ihm wurde jedoch nicht geglaubt.

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge - Stalins Spion in Tokio

Doch durch das Weiterleiten der Information, dass Japan nicht plante Russland anzugreifen, bewirkte Sorge, dass die Rote Armee mit stärkeren Verbänden gegen die Deutsche Wehrmacht vorging. Das dadurch zweifelsohne früher eingetretene Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte der 1944 in Tokio wegen Verrats erhängte Sorge nicht mehr.

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge - Stalins Spion in Tokio

Zahlreiche Bücher wurden über Richard Sorge geschrieben, drei Filme beschäftigten sich mit seinem Leben und die DDR ehrte ihn mit einer Briefmarke. Nach umfassenden Quellenstudium hat sich Isabel Kreitz (“Die Entdeckung der Currywurst“, “Der 35. Mai“, “Schlechte Laune“, “Haarmann“) der Sache mit Sorge angenommen und erzählt auf über 200 Comicseiten von der schillernden Persönlichkeit. Hauptfigur der Geschichte ist jedoch die Cembalo-Spielerin Eta Harich-Schneider, die vor den Nazis nach Tokio flüchtete. Dort lernte sie Richard Sorge kennen und lieben. Sie litt jedoch auch stark unter dessen Trunksucht und Anfällen von Jähzorn.

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge - Stalins Spion in Tokio
Isabel Kreitz

Durch einen stark auf Grautöne setzenden sehr detaillierten Zeichenstil vermittelt Isabel Kreitz äußerst glaubhaft die Atmosphäre einer Welt von Menschen, die in der Fremde festhängen und niemanden trauen können. Eine zusätzliche die Geschichte vertiefende Ebene sind kurze Interview-Statements von Zeitzeugen, die die Kapitel im Stile eine TV-Doku einleiten. Abgerundet wird das gelungene Werk noch durch ein Nachwort von Frank Giese, das sich ausführlich mit dem Leben von Richard Sorge beschäftigt.

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Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

1924 wurde Fritz Haarmann hingerichtet nachdem er des Mordes an über 24 Jungen schuldig gesprochen wurde. Doch Haarmann lebte trotzdem einfach weiter, schon durch das Lied mit dem “kleinen Hackebeilchen“ aber vor allem durch Fritz Langs Filmklassiker “M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ sowie durch Götz Georges beängstigendes Psychogram des Massenmörders in Romuald Karmakars “Der Totmacher“.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

1990 erschien bei Carlsen von einer vom Texter Peer Meter auf drei Bände angelegten und von Christian Gorny gezeichneter “Haarmann“-Serie lediglich der erste Teil. Doch nachdem Meter 2010 mit dem von Barbara Yelin gezeichneten Album “Gift“ über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried ein glanzvolles Comic-Comeback feierte, wurde – warte, warte nur ein Weilchen – auch “Haarmann“ vollendet bzw. in einer Gesamtausgabe komplett neu angegangen. Danach widmete sich Peer Meter in „Vasmers Bruder“ dem Serienmörder Karl Denke.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

Während Christian Gorny auf karge aber doch irgendwie beeindruckende (wenn auch nicht sonderlich lesefreundliche) Grafik setzte, hat Isabel Kreitz (“Die Entdeckung der Currywurst“, “Der 35. Mai“, „Die Sache mit Sorge„) die Geschichte des Massenmörders in ihrem ausgereiften Zeichenstil mit manchmal fast schon zu detailfreudigen schwarzweißen Bildern in Szene gesetzt.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann
Isabel Kreitz

Ähnlich wie schon bei “Gift“ lässt Peer Meter den Leser zwar auch über die Morde schaudern aber noch mehr darüber wie wenig die offiziellen Stellen unternahmen um die Untaten zu verhindern. Im Falle Haarmann verfügte der auch als Spitzel für das Diebstahlskommisariat Hannover arbeitende Mörder gar über einen Polizeiausweis. Wenn die verzweifelt nach ihren verschollenen Söhnen suchenden Eltern von der Polizei wie Bittsteller von oben herab behandelt werden, verbreitet sich dabei fast ebenso viel Grusel wie bei der Vorstellung das Haarmann die örtlichen Gaststätten höchstwahrscheinlich mit Menschenfleisch beliefert hat.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

Sehr nah an historischen Tatsachen orientiert gelang Meter und Kreitz ein beängstigend faszinierender Blick in menschliche Abgründe.

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