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Olivia Vieweg: Antigone

Im April 2018 startete Carlsen die Reihe Die Unheimlichen mit gleich drei hübsch aufgemachten kleinen Büchern. Isabel Kreitz (Haarmann, Rohrkrepierer), die auch Herausgeberin der Reihe ist, adaptiert in gelblichen Bildern Sarah Khans Den Nachfolgern im Nachtleben, Lukas Jüliger garniert Edgar Allan Poes Berenice mit Manga-Elementen und Nicolas Mahler (Flaschko, Alte Meister) vergreift sich einmal mehr mit schon fast an Faulheit grenzender Lässigkeit an Hochliteratur, diesmal an Elfriede Jelineks Der Fremde.

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Doch das Konzept eher unbekannte Schauergeschichten von unterschiedlichen Zeichnern in schwarzweiße mit einer Schmuckfarbe kolorierte Zeichnungen in Szene setzen zu lassen, ging erst in Band 4 so richtig auf. Hier setzte Barbara Yelin (Gift, Channa Maron) John Kendrick Bangs‘ Das Wassergespenst von Harrowby Hall schaurig schön, aber auch sehr ironisch in lässigen schwarzweißen Zeichnungen um, die immer wenn der feuchte Geist auftaucht blau eingefärbt daher kommen.

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Nach Birgit Weyhes Interpretation von Theodor Fontanes Unterm Birnbaum folgt ein weiterer Höhepunkt der Reihe. Olivia Vieweg (Endzeit) hat Antigone von Sophokles adaptiert, bzw. sie sich hat das Kernstück der vor fast 2.500 Jahren entstandenen griechischen Tragödie vorgenommen. Dass der Klassiker immer noch aktuell ist, unterstreicht ein Tweet, den Vieweg ihrem Büchlein vorangestellt hat: “Legalität kann nicht immer der Kompass für die Moral sein.“

Olivia Vieweg: Antigone

Antigone ist die Fortsetzung der Sophokles-Tragödien Ödipus und Ödipus auf Kolonos. Antigone hat ihre Zwillingsbrüder verloren, die sich beim Kampf um die Macht in Theben gegenseitig getötet haben. Thronfolger wird der Tyrann Kreon, der verfügt, dass der eine Bruder mit allen Ehren bestattet wird. Die Leiche von Polyneikes dem anderen Zwilling, wird auf Befehl Kreons dem Schlachtfeld liegen gelassen, weil er den rechtmäßigen König getötet hat.

Olivia Vieweg: Antigone

Antigone wiedersetzt sich dem Bestattungsverbot und bedeckt die Leiche mit Staub. Als Antigone gefasst wird, besteht sie darauf, dass es rechtens ist, Polyneikes die letzte Ehre zu erweisen, auch wenn er unrecht begangen hat. Kreon verurteilt Antigone zum Tode indem er sie lebendig in eine Grabkammer sperren lässt. Sein Argument: “Würde ich Dich damit durchkommen lassen, wäre ich kein Mann. Du wärst der Mann.“

Olivia Vieweg: Antigone

Die Themen ziviler Ungehorsam, staatliche Willkür und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sind leider zeitlos, wodurch Antigone erschreckend aktuell ist. Doch “erschreckend“ im Sinne von “unheimlich“ wird die Geschichte auch durch die von Olivia Vieweg pointiert eingesetzte Schmuckfarbe blutrot. Diese kommt vor allem im grausigen Finale des Comics (Stichwort “Krähen und Leichenteile“) zum Tragen. Es bleibt spannend, wie sich die Reihe “Die Unheimlichen“ fortgeführt wird.

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Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Im April 2018 startete Carlsen die Reihe Die Unheimlichen mit gleich drei hübsch aufgemachten kleinen Büchern. Isabel Kreitz (Haarmann, Rohrkrepierer), die auch Herausgeberin der Reihe ist, adaptiert in gelblichen Bildern Sarah Khans Den Nachfolgern im Nachtleben, Lukas Jüliger garniert Edgar Allan Poes Berenice mit Manga-Elementen und Nicolas Mahler (Flaschko, Alte Meister) vergreift sich einmal mehr mit schon fast an Faulheit grenzender Lässigkeit an Hochliteratur, diesmal an Elfriede Jelineks Der Fremde.

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Doch das Konzept eher unbekannte Schauergeschichten von unterschiedlichen Zeichnern in schwarzweiße mit einer Schmuckfarbe kolorierte Zeichnungen in Szene setzen zu lassen, will erst in Band 4 so richtig aufgehen. Hier hat sich Barbara Yelin (Gift, Channa Maron) John Kendrick Bangs‘ Das Wassergespenst von Harrowby Hall vorgenommen.

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Diese Erzählung spielt Ende des vorletzten Jahrhunderts, als es noch für große Verwunderung sorgte, wenn sich jemand seine Utensilien (in diesem Falle eine Taucher-Ausrüstung) per Paketpost zusenden lässt. In Yelins Comic kommentiert eine Bedienstete dies mit: “Man stelle sich vor, jeder würde so einkaufen.“

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Bangs erzählt von einem Wassergespenst, das die Schlossherren von Harrowby Hall alljährlich am Heiligabend aufsucht, wodurch es nicht nur zu Überschwemmungen, sondern auch zu lebensgefährlichen Erkältungen kommt. Der durchaus tragische Grund für den Spuk ist ein Fluch, der einem kleinen Mädchen auferlegt wurde, das nicht mehr leben wollte. Doch der Grundton der Erzählung ist ähnlich wie in Oscar Wildes Das Gespenst von Canterville humoristisch.

Barbara Yelin: Das Wassergespenst von Harrowby Hall

Barbara Yelin hat die Geschichte in lässige schwarzweiße Bilder mit ganz vielen grauen Zwischentönen umgesetzt. Wenn das Gespenst auftaucht, kommt aber auch noch wässriges Blau ins Bild, was die schaurig-schöne Stimmung bestens unterstreicht.

Olivia Vieweg  Antigone

Nach Birgit Weyhes Interpretation von Theodor Fontanes Unterm Birnbaum folgte mit Olivia Viewegs Interpretation der griechischen Tragödie Antigone von Sophokles ein weiterer Höhepunkt der Reihe.

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Nicolas Mahler: Engelmann

Dass der Wiener Nicolas Mahler (Flaschko, der Mann in der Heizdecke), der sich sonst doch eher bei „elitären“ Verlagen wie Reprodukt oder der Edition Moderne herumdrückt, plötzlich zum „Global Player“ Carlsen wechselt und dort auch noch Superhelden-Comics produziert, erscheint wie ein Witz. Und das ist es auch, allerdings ein verdammt guter!

Nicolas Mahler: Engelmann

Mahlers Superheld heißt ENGELMANN und er wurde von der Firma Konzern Publishing konzipiert um auch kleine Mädchen für maskierte Rächer zu begeistern. Daher hat der geflügelte Knirps mit auch ganz besondere Superkräfte: Er ist tolerant, ambivalent und kann gut zuhören. Tagsüber arbeitet er als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift und nachts versucht er in der U-Bahn nicht beim Schwarzfahren erwischt zu werden, da eine Geldbörse sein rosarotes Kostüm ausbeulen würde.

Nicolas Mahler: Engelmann

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ENGELMANN kein Riesenerfolg wurde. Daher bastelte das Story-Department von Konzern Publishing am Charakter des Helden herum und gab ihm ein Schwert, was allerdings die weibliche Leserschaft erschreckte. Auch der ENGELMANN-Kinofilm floppte überall (außer in Japan). Daher war es dem Carlsen Verlag möglich ganz billig die Rechte an ENGELMANN bei Konzern Publishing zu erwerben und eine “Art Sammelband“ mit den schönsten Momenten sowie wichtigen Hintergrundinfos zum “gefallenen Engel“ zu veröffentlichen.

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Flaschko, der Mann in der Heizdecke

Gleich am Anfang dieses wunderschönen gebundenen querformatigen Buches wird das „Flaschko-Universum“ vorgestellt. Das ist auch bitter nötig, denn wie leicht verliert der Leser hier den Überblick und diese Zutaten könnten verwechselt werden: Flaschko, Heizdecke, Sessel, Steckdose, Fernseher und Mutter.

Flaschko, der Mann in der Heizdecke

In den Flaschko-Comics von Nicolas Mahler (Alte Meister, Alice in Sussex, Engelmann) treten immer nur die ewige wohltemperierte Sessel-Kartoffel Flaschko und seine Mutter auf. Selten werden mehr als die Requisiten Heizdecke, Sessel, Steckdose und Fernseher verwendet. Auch Mahlers Zeichenstil vermeidet jegliche Experimente und wechselt niemals die Perspektive.

Flaschko, der Mann in der Heizdecke

Die mehr als 200 in diesem Band versammelten Strips nennt der Wiener Zeichner Sitzmelodramen. Er hat meist sechs bis neun davon zusammengefasst zu vielsagenden Themenkomplexen wie (achten Sie auf das Kleingedruckte) „ein mann, eine decke und deren wärme“, „kleiner tod frischluft“, “die lange sylvia-kristel-nacht“ oder „mein vater, der mann“.

Flaschko, der Mann in der Heizdecke

Für jede dieser tiefgreifenden Abhandlungen wählte Mahler auch noch eine andere Schmuckfarbe fürs Mobiliar. All dies wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht Seite für Seite die Gags stimmen würden. Dies ist der Fall und immer wieder trotzt Mahler seiner eigentlich arg eingeschränkten Ausgangssituation einen unglaublichen Haufen skuriller Einfälle ab.

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Nicolas Mahler: Alice in Sussex

Sehr lange hat es gedauert, bis der Suhrkamp Verlag den zweiten Band seiner Graphic Novel Reihe herausgebracht hat. Fünfzehn Monate nachdem im traditionsreichen Verlagshaus Nicolas Mahlers amüsante Adaption von Thomas Bernhards Alte Meister erschien, folgt nicht etwa, wie angekündigt Marcel Beyers Flughunde gezeichnet von Ulli Lust (Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens), sondern ein weiterer Comic von Nicolas Mahler.

Nicolas Mahler: Alice in Sussex

Das ist zwar etwas verwunderlich, aber nicht weiter schlimm, denn ein Comic von Nicolas Mahler hat den Vorteil ein Comic von Nicolas Mahler zu sein. Das gilt auch dann, wenn er nicht wie in Flaschko, der  Mann in der Heizdecke oder Engelmann eigene Geschichten erzählt, sondern fremde Werken adaptiert. Mit “frei nach Lewis Carroll und H.C. Artmann“ ist in diesem Falle “sehr frei“ gemeint. Mahler folgt in groben Zügen Carrolls Alice im Wunderland, genau wie dies Anno 1968 sein österreichischer Landsmann Hans Carl Artmann in Frankenstein in Sussex tat. Doch er garniert die Geschichte mit Elementen aus weiteren literarischen Werken wie Herrmann Melvilles Moby Dick oder er zitiert besonders surreale Texte aus dem aktuellen “Vorlesungsverzeichnung der Universität Wien“.

Nicolas Mahler: Alice in Sussex

Ab November 2012 verwirrte Alice in Sussex zunächst als Fortsetzungs-Comic die Leser der FAZ (unten ist die erste Episode abgebildet und im Netzt ist immer noch der komplette Comic zu finden), für die Buchausgabe bei Suhrkamp hat Nicolas Mahler seinen Comic nicht nur mit der Schmuckfarbe blau garniert, sondern diesen außerdem noch ummontiert und um zusätzliche Zeichnungen und Texte ergänzt.

Nicolas Mahler: Alice in Sussex

Das Resultat ist herrlich abgefahrener Blödsinn, der sehr viel Vergnügen bei der Lektüre bereitet, auch ohne die Kenntnis der zitierten literarischen Passagen. Diese sind als Einzelnachweise im Anhang des Buches aufgeführt, denn so Mahler in seinem Comic: “EIN unüberlegtes Zitat und schon ist man einen Kopf kürzer!“


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